Schrauben lösen sich. In der Praxis passiert es täglich: Vibration, Temperaturwechsel und dynamische Belastungen arbeiten unablässig gegen die Klemmkraft einer Schraubenverbindung. Federringe, Zahnscheiben und Kontermuttern mildern das Problem – lösen es aber selten vollständig. Eine chemische Schraubensicherung auf Basis eines anaeroben Klebstoffs setzt weiter unten an: Sie füllt den Gewindespalt vollständig aus und verhindert die Mikrobewegungen, die zur Lockerung führen.
Dieser Artikel erklärt, wie anaerobe Schraubensicherungen funktionieren, worauf Sie bei der Produktauswahl achten müssen und wie die korrekte Anwendung aussieht.
Wie funktioniert eine anaerobe Schraubensicherung?
Anaerob bedeutet: ohne Luft. Genau das ist das Wirkprinzip. Anaerobe Klebstoffe bestehen aus Monomeren, die unter normalen Bedingungen flüssig bleiben – solange Sauerstoff vorhanden ist. Sobald der Klebstoff zwischen die Gewindegänge gelangt und Kontakt mit Metallionen aufnimmt, setzt die Polymerisation ein: Das Material härtet zu einem festen, zähen Polymer aus – exakt dort, wo es gebraucht wird.
Das Ergebnis ist eine Verbindung, die Vibrationen dämpft, Mikrospiele verhindert und gleichzeitig den Gewindespalt abdichtet. Korrosion durch eindringende Feuchtigkeit wird ebenso gestoppt wie das Auslaufen von Medien durch das Gewinde.
Wichtig zu wissen: Aktive vs. passive Metalle
Aktive Metalle (Stahl, Kupfer, Messing): Aushärtung erfolgt ohne Zusatzmittel, oft innerhalb weniger Minuten.
Passive Metalle (Edelstahl, Aluminium, verzinkte Oberflächen): Die Metallionenkonzentration ist zu gering für eine zuverlässige Selbstaktivierung. Hier ist ein Aktivator nötig – oder Sie wählen ein Produkt, das speziell für passive Werkstoffe entwickelt wurde, wie den ERGO 4052 von Kisling.
Niedrigfest, mittelfest, hochfest: Was bedeutet das in der Praxis?
Die häufigste Frage in der Produktauswahl lautet: Welche Festigkeitsstufe brauche ich? Die Antwort hängt davon ab, ob die Verbindung jemals wieder demontiert werden soll – und welchen Belastungen sie standhalten muss.
Niedrig- bis mittelfest
Für Feingewinde und Schraubenverbindungen, die im Rahmen der Wartung regelmässig demontiert werden. Die ausgehärtete Verbindung lässt sich mit normalem Werkzeug lösen. Typisches Einsatzgebiet: Einstellschrauben, Justiergewinde, Sensormontagen.
Kisling-Produkt: ERGO 4003 – mittelviskos, ideal bei Einschraublängen über 2D, ausgezeichnet für Feingewinde.
Mittelfest (universell)
Die am häufigsten eingesetzte Stufe. Schützt zuverlässig gegen Vibration und Selbstlockerung, erlaubt aber die Demontage mit handelsüblichen Werkzeugen. Geeignet für den Grossteil der Schraubenverbindungen in Maschinen- und Anlagenbau.
Kisling-Produkte: ERGO 4052 (Universalprodukt mit besonders schneller Aushärtung auch auf Edelstahl und passivierten Oberflächen, DVGW-zertifiziert für Trinkwasser- und Lebensmittelbereiche).
Hochfest
Für Verbindungen, die dauerhaft und unlösbar fixiert sein sollen: Stehbolzen, Lager, Buchsen, stark beanspruchte Flanschverbindungen. Die Demontage erfordert Erwärmung auf 150–230 °C.
Kisling-Produkt: ERGO 4101 – hochfest, zertifiziert nach ANSI/NSF Standard 61 für den Einsatz in Gebrauchwasser und im lebensmittelverarbeitenden Umfeld (NSF S6 P1).
ERGO-Produkte im Überblick
Die folgende Tabelle gibt einen kompakten Überblick über die vier Hauptprodukte von Kisling für die Schraubensicherung:
| Produkt | Festigkeit | Gewindegrösse | Besonderheit | Demontage |
| ERGO 4003 | Niedrig-/mittelfest | Feingewinde | Leicht demontierbar, Einschraublänge > 2D | Mit Handwerkzeug |
| ERGO 4100 | Hochfest | Bis M24 | Hochfeste Schraubensicherung | Mit Handwerkzeug |
| ERGO 4052 | Mittelfest | Bis M36 | Auch auf Edelstahl & Aluminium, DVGW-zertifiziert | Mit Handwerkzeug |
| ERGO 4101 | Hochfest | Bis M20 | Permanente Verbindung, Stehbolzen & Lager | Erwärmung auf 150–230 °C |
Alle Produkte sind lösemittelfrei, VOC-reduziert und entsprechen den europäischen Chemikalienrichtlinien REACH und RoHS.
Schritt für Schritt: Richtige Anwendung
Die Qualität einer anaeroben Schraubensicherung steht und fällt mit der Vorbereitung. Der Ablauf ist einfach – aber jeder Schritt zählt.
- Oberfläche reinigen: Schraube und Gewindebohrung müssen öl-, fett- und spanfrei sein. Geeignet sind handelsübliche Entfetter oder Isopropanol.
- Aktivator auftragen (bei passiven Metallen): Bei Edelstahl, Aluminium oder verzinkten Oberflächen empfiehlt sich ein Aktivator. Er wird aufgesprüht oder aufgetragen und muss vor dem Kleben abtrocknen (ca. 1–2 Minuten). Alternativ: ERGO 4052, der auch ohne Aktivator auf passiven Metallen aushärtet.
- Klebstoff auftragen: Wenige Tropfen auf das Aussengewinde – im unteren Drittel der Einschraubtiefe. Es ist nicht nötig, das gesamte Gewinde zu benetzen: Beim Eindrehen verteilt sich der Klebstoff gleichmässig.
- Schraube eindrehen: Normal montieren und mit dem vorgesehenen Anzugsmoment anziehen.
- Aushärtezeit einhalten: Erste Haltekraft nach 10–30 Minuten (je nach Produkt und Temperatur). Volle Endfestigkeit nach 3–24 Stunden. Während der Aushärtung keine Belastung.
Hinweis zur Kupferproblematik
Kupfer und kupferhaltige Legierungen (Messing) beschleunigen die Aushärtung sehr stark – es kann zu vorzeitiger Polymerisation bereits während des Fügevorgangs kommen. Das kann Mikrorisse verursachen, die später zu Undichtigkeiten führen. Bei solchen Verbindungen sind Vorversuche empfohlen.
Demontage: Was muss ich wissen?
Ein weit verbreiteter Irrtum: Anaerobe Schraubensicherungen bedeuten immer permanente Verbindungen. Das stimmt nur für hochfeste Produkte wie den ERGO 4101.
- ERGO 4003, 4052, 4100 (mittel-/hochfestfest): Demontage ist jederzeit mit handelsüblichem Werkzeug möglich – Schraubenschlüssel, Inbus, Ratsche. Keine Sonderwerkzeuge nötig.
- ERGO 4101 (hochfest): Verbindung muss auf 150–230 °C erhitzt werden. Dann sofort demontieren, solange die Verbindung noch heiss ist. Nach dem Abkühlen ist die Demontage nicht mehr möglich.
Nach der Demontage: Gewindereste mit einer Drahtbürste entfernen, Oberfläche reinigen und bei Bedarf neu sichern.
Chemische vs. mechanische Schraubensicherung: Ein ehrlicher Vergleich
Wann ist eine chemische Schraubensicherung die bessere Wahl – und wann nicht?
| Kriterium | Chemische Schraubensicherung | Mechanische Sicherung |
| Wirkprinzip | Polymerisation im Gewindespalt | Reibschluss oder Formschluss |
| Schutz vor Vibration | Sehr hoch (füllt Spalt vollständig) | Begrenzt (verliert Wirkung im Betrieb) |
| Gewicht | Vernachlässigbar | Zusätzliche Bauteile nötig |
| Spaltfüllung & Dichtigkeit | Ja, 100 % spaltfüllend | Nein |
| Montageaufwand | Gering (Tropfen auf Gewinde) | Mittel bis hoch |
| Demontierbarkeit | Je nach Produkt (4052: Werkzeug) | Meist ohne Hilfsmittel |
| Eignung Edelstahl/Aluminium | Ja (mit Aktivator oder ERGO 4052) | Ja |
Chemische Schraubensicherungen eignen sich besonders dann, wenn Vibration das Hauptproblem ist, Spaltdichtigkeit gefragt ist, das Bauteilgewicht eine Rolle spielt oder der Montageaufwand minimiert werden soll. Mechanische Sicherungen behalten ihre Berechtigung dort, wo eine Demontage ohne Werkzeug zwingend erforderlich ist.
Aus der Praxis: Der häufigste Fehler bei der Anwendung
In der Applikationsberatung stossen wir immer wieder auf dasselbe Problem: zu viel Klebstoff. Wer zum ersten Mal mit anaerober Schraubensicherung arbeitet, neigt dazu, das Gewinde grosszügig zu benetzen – nach dem Motto „viel hilft viel“. Das Gegenteil ist der Fall. Überschüssiger Klebstoff, der aus dem Gewindespalt herausgedrückt wird, härtean der Oberfläche nicht aus – dort ist Sauerstoff vorhanden. Er bleibt flüssig, verschmutzt angrenzende Bauteile und erweckt den falschen Eindruck, die Sicherung habe nicht funktioniert.
Die Faustregel: Ein bis zwei Tropfen auf das untere Drittel des Aussengewindes reichen vollständig aus. Der Klebstoff verteilt sich beim Eindrehen von selbst. Weniger ist hier nicht nur genug – es ist besser.
Beratung & Muster
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